Marie Juchacz, die erste Frau am Rednerpult

Am 19. Februar 1919 stand die erste Frau am Rednerpult der Weimarer Nationalversammlung. Gemeinsam mit 36 weiteren Frauen gehört sie zu den ersten weiblichen Abgeordneten in Deutschland: Marie Juchacz, eine zu dem Zeitpunkt 40-jährige Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin aus dem heutigen Polen. Sie fordert nur wenige Monate nach der Einführung des Frauenwahlrechts in ihrer Rede vor dem Parlament ein Ende der Hungerblockade gegen Deutschland und die Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen.

Am 19. Februar 1919 hielt Marie Juchacz als erste Frau im Reichstag eine Rede. Foto: AWO-Archiv Berlin

Ihre Rede begann mit der Ansprache “Meine Herren und Damen” und sorgte in den Reihen der Abgeordneten für allerlei Heiterkeit, schließlich war es das erste Mal in der Geschichte, dass die Herren im Parlament nicht unter sich waren. Neben der Hungerblockade und der Freilassung von Kriegsgefangenen thematisierte sie auch das Wahlrecht: “Ich möchte hier feststellen – und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.” Marie Juchacz brannte seit Anbeginn nicht nur für Frauenrechte, Gleichberechtigung und Freiheit, sondern auch für Sozialfürsoge. Ihr lebenslanges Motto lautete “Hilfe zur Selbsthilfe”; nur wenige Monate nach dieser Rede wird sie die Arbeiterwohlfahrt (AWO) gründen. Ihr Lebenswerk, inspiriert von ihrer Arbeit in Suppenküchen und Wärmestuben während des Ersten Weltkriegs: Diese wird sie auch nach ihrer Emigration während der Machtergreifung der Nationalsozialisten bis zu ihrem Tod weiterführen.
Während ihre Sozialfürsorge bis heute blühende Zeiten erlebt, musste für die Frauenquote immer wieder gekämpft werden: 1953 war die Frauenquote im Parlament nicht höher als zu den Zeiten von Marie Juchacz. Als Annemarie Rengner im Jahr 1972 zur ersten Parlamentspräsidenten gewählt wurde, thematisierte sie in ihrer Antrittsrede vor allem die Frauenrolle und Gleichberechtigung. 2016 waren 37,3 % der Abgeordneten des Bundestages Frauen – so viele wie nie zuvor.
Im Vergleich dazu sitzen seit zwei Jahren nur noch 218 Frauen von insgesamt 709 Abgeordneten im Bundestag, wodurch das Parlement einen so geringen Frauenanteil wie seit knapp 20 Jahren nicht mehr aufweist. Deshalb wird aktuell immer wieder über ein Paritätsgesetz diskutiert, das mehr Frauen einen Sitz in Bundes- oder Landesparlamenten ermöglichen soll. Brandenburg möchte nun als erstes Bundesland ein solches Gesetz verabschieden: Zukünftig sollen dort Listenplätze bei Landtagswahlen geschlechtergerecht vergeben werden. Momentan ist jedoch noch nicht geklärt, ob ein solches Gesetz verfassungswidrig ist – oder ob nicht. Klar ist aber, dass die Gesetzesinitiative den Frauen zu verdanken ist, die seit über 100 Jahren für Gleichberechtigung und Frauenrechte kämpfen – so wie Marie Juchacz damals während ihrer ersten Rede vor der Weimarer Nationalversammlung. Diese Rede wurde vom MDR rekonstruiert, neu produziert und kann über folgenden Link nachgehört werden.